Interview mit Anti-Flag: “Bush war nie das Problem”

6. August 2012 | 17:13

Interview mit Anti-Flag: “Bush war nie das Problem”

Autor: Jannes

Im Rahmen des Omas Teich Festivals hatten wir die Möglichkeit mit Chris#2, seines Zeichens Bassist und Sänger von Anti-Flag zu sprechen. Dieser erklärt seine Sicht der Dinge auf Politik, Wirtschaft, seine Erlebnisse mit dem Occupy Movement, was sich seit der Abwahl von Bush für die Band geändert hat und was ihn immer weiter antreibt, Musik zu machen.

Rock-Mag.com: Hey Chris, es ist euer erster Auftritt beim Omas Teich Festival, wie geht’s dir?

Chris #2: Gut! Wir hatten aber n paar Probleme bei der Anreise. Weil wir gestern noch in Schweden gespielt haben mussten wir früh aufstehen und um fünf Uhr morgens am Flughafen sein. In Deutschland haben wir dann nen neuen Van bekommen und … was soll ich sagen… der ist nicht wirklich gut. Keine Klimaanlage, was wirklich sehr beschissen ist bei den Temperaturen. Ich bin keiner der sich oft beschwert, aber das war wirklich kein einfacher Morgen. Allerdings sieht das Festival sehr cool aus, wir können n paar Freunde treffen und es wird trotz alledem ne gute Show! Es ist eben das Leben in einer Band, Scheiße passiert.

Rock-Mag.com: Vor ein paar Monaten kam „The General Strike“ raus, euer drittes Album in vier Jahren. Was macht euch so produktiv?

Chris#2: Mhm ich glaube das so auszudrücken wäre ein wenig fern der Realität. Ich meine wir haben zwei Alben extrem schnell rausgehauen und danach drei Jahre Pause gemacht bevor wir „The General Strike“ veröffentlicht haben. 2008 kam „Bright Lights of America“ raus, 2009 dann „People or the Gun“ und dann kam bis 2012 nichts mehr, bis zu „General Strike“.

Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, unsere Alben nicht so schnell hintereinander zu veröffentlichen. Wir wollten das Tempo ein wenig rausnehmen, uns auf unsere eigenen Leben und Projekte konzentrieren und den wirklichen Grund finden, warum wir die Band am Anfang gegründet haben. Darum ist „The General Strike“auch  im Kern aggressiver, nicht nur der Sound an sich sondern auch die Ideale die wir damit vertreten Die Politik prescht in diversen Sachen extrem nach vorne, also werden wir aggressiver als wir es auf den vorherigen Alben waren.

Rock-Mag.com: Damit nimmst du mir quasi die Antwort auf die nächste Frage vorweg, auch für mich klingt „General Strike“ viel aggressiver als die vorherigen Scheiben. Liegt das daran, dass ihr immer angepisster werdet über die Korruption und Ungerechtigkeiten in der Welt?

Chris#2: Das glaube ich schon, ja. Es gab eine Menge Optimismus und Hoffnung als George Bush abgewählt wurde. Nun spult man einige Jahre vor und mit dem neuen Präsidenten sind wir nicht wirklich besser dran. Guck dir die Welt an: Die Weltwirtschaft ist in großer Aufruhe und das nur weil Menschen unter der Prämisse „Geld ist wichtiger als Menschlichkeit“ arbeiten. Dagegen stehen und singen wir seit Dekaden und es ist ein wenig frustrierend zu sehen, dass dies immer weiter geschieht.

Das Volk ist so unterbezahlt, die Firmen stehen da mit wehenden Fahnen und die auserwählten Länder die es können, werfen mit Restriktionen um sich. Im Endeffekt geht es allen nur um Geld. Es ist definitiv eine interessante Sicht der Dinge, wenn man in einer Band ist, die schon so lange gegen diese Dinge steht und sieht was die Politik treibt. Allerdings sieht man auch die positive Seite davon, wenn man sich den Arabischen Frühling anschaut, das Occupy Movement, Griechenland, Spanien. Die Leute werden immer angepisster und das war definitiv eine Inspiration für das Album.

Rock-Mag.com: Ok, sprechen wir über das von dir genannte Occupy Movement. Ich sah euch auf YouTube, wie ihr ein Akustikkkonzert für die Protestanten gegeben habt. Kannst du die Atmosphäre im Camp ein wenig beschreiben und was bedeutete es dir persönlich da zu sein?

Chris #2: Gerade als wir da waren war die Lage sehr angespannt aber es war der coolste Protest an dem ich je teilgenommen habe. Wir haben in den Jahren viel gemacht: Der Marsch auf Washington gegen den Irakkrieg oder Proteste gegen Weltwirtschaftsabkommen in den früher 2000ern. Da konnte man merken, dass es verschiedene Ströme gab, die aus verschiedenen Gründen gegen diese Dinge waren.  Beim Occupy Movement war das anders, da gab es nur eine Meinung: Menschen sind wichtiger als Gier.

Es macht keinen Unterschied, ob das nun durch Ägypten beeinflusst war oder durch die „Pro-Choice“ Bewegung. All die unterschiedlichen Bewegungen haben sich zusammengeschlossen und gesagt „Wir sitzen hier, bis die Leute kapieren dass das Wertesystem der Welt falsch ist.  Wir müssen den Fokus wieder weg von der Gier und auf Menschlichkeit legen. Das war wirklich sehr cool, ein Teil davon sein zu können. Da gabs keine große PA Anlage, es war nicht „Oh Anti-Flag spielt ne Show!“, wir sind da einfach hingegangen, haben angefangen zu spielen und die Leute haben zugehört. Das war wirklich großartig.

Rock-Mag.com: Während der letzten Jahre haben sich viele Bands getrennt und ein paar auch wieder zusammen gefunden. Was macht Anti-Flag anders als diese Bands, warum macht ihr nach über 15 Jahren noch immer gemeinsam Musik?

Chris#2: Das is ne recht witzige Geschichte, wir haben viele Freunde in Bands die nun wieder zusammen spielen, die haben nun plötzlich sehr viel mehr Erfolg. Da überlegt man schon, ob man sich nich auch hätte auflösen sollen (lacht). Ich will nun nicht arrogant klingen, und das ist auch keine arrogante Aussage, aber wir wissen wie es ist Scheiße zu fressen. Wir wissen wie es ist, in nem beschissenen Van ohne Klimaanlage zu touren. Wir wurden verdorben, waren auf nem Major Label. Aber die Dinge laufen gut, wir spielen großartige Festivals diesen Sommer. Wir haben immer versucht, auf unserem Level zu operieren. Wir booken das Touring, die Reise und all den Kram selber. Ok wir haben dafür nen Kollegen in Pittsburgh, aber wir machen das immer noch gemeinsam. Es wurde nie zu groß und nie zu klein, es ging immer ein wenig darum sich zu behaupten.

Wenn kein Label unsere Platte veröffentlichen will? Scheiß drauf, wir ham n eigenes Label. Keiner will unsere Shows booken? Egal, wir wissen wie man Shows bookt. Ich will hier hier meine Freunde nicht schlecht reden, deren Bands sich getrennt haben, aber wenn man als Band auf diesem „Bus-Level“ angekommen ist, alles großartig läuft und du ne Menge Kohle machst, dann ist es schwer von dem Stand wieder runter zukommen. Und die Musikindustrie geht steil bergab. Das wir überlebt haben und gerade nahezu aufblühen hat viel damit zu tun, dass wir von Anfang an ohne irgendwelche Hilfen überleben konnten. Es geht immer darum, die richtigen Perspektiven zu wählen und ein Ziel vor Augen zu haben. Ich sage nicht, dass es nicht eines Tages passieren kann das wir sagen „Ok, das wars – wir werden alt“ aber momentan fühlt es sich sehr, sehr gut an in dieser Band zu sein.

Rock-Mag.com: Das hört man doch gerne. Euer großer Durchbruch kam während des George Bush Regimes. Wie hat die Wahl von Obama eure Musik verändert, immerhin war Bush so was wie euer Posterboy?

Chris#2: Für unser war das interessant, natürlich war er unser Posterboy aber er war definitiv nicht das Problem. Viele Kritiker kamen und sagten „Oh nun wo George Bush weg ist, was macht ihr nun?“ George Bush war nicht das Problem. Das Problem war der Krieg im Irak. Wir singen weiter unsere Songs, die Songs passen immer noch. Sogar „Turncoat“, der darüber handelt, wie Bush an die Macht kam, ist heute genauso anwendbar auf alle anderen Machthaber. Es geht um jeden, nicht darum zu sagen „George Bush ist ein schlechter Mensch“. Darum geht’s nicht, es geht darum Leute bloßzustellen die Macht erlangen und diese Missbrauchen. Vor allem Leute die das das eine sagen und das Gegenteil davon tun. Das ist leider die überragende Mehrheit der Politiker in dieser Welt, nicht nur in Amerika sondern auch in Deutschland.

Rock-Mag.com: Traurig aber wahr… die letzte Frage: Was motiviert oder inspiriert euch, so enthusiastisch weiter zu machen? Ich kann mir vorstellen dass man oft niedergeschlagen ist, weil sich nichts wirklich ändert.

Chris#2: Diese Frage kriegen wir wirklich oft. Ich spiele nebenbei in der Band „White Wives“, so kann ich für Abwechslung sorgen. Die Lieder gehen in eine andere Richtung, ich kann Gitarre spielen und die Texte handeln über verlorene Liebe und solche Sachen. Justin macht dasselbe in seinem Soloprojekt. Wir spielen dieses Jahr 200 Anti-Flag Shows in der ganzen Welt. Jede Show ist zum größten Teil anders aber auch gleich. Wir finden immer Leute die ein wenig abgefuckt sind, ein bisschen kaputt – genau wie wir selber. Diese Leute haben Punk Rock aus diesen Gründen für sich entdeckt. Die freuen sich über die Einheit, die in der Szene existiert und das alleine reicht schon um die Motivation aufrecht zu erhalten. Gestern haben wir vor 10.000 Leuten gespielt, vorgestern vor 200. Es ist wie Ebbe und Flut aber die Konstanten sind diese Leute, die Verfechter der Menschlichkeit. Und was wäre eine bessere Inspiration als sich mit solchen Leuten zu umgeben, 200 Tage im Jahr?

Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, Interview und Übersetzung von Jannes Tjarks. Den Auftritt von Anti-Flag findet ihr hier.

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